„Kirchliche Angebotsstrukturen sollten sich mehr auf Junge ausrichten“

Religionssoziologe Prof. Dr. Gert Pickel über eine Umfrage, die beeindruckendes Potential in der Altersgruppe der 20- bis 30-Jährigen zeigt

Von PATRICK FRANZ

Ökologische Krise, Corona und Digitalisierung – Kirche und Gesellschaft stehen mitten in den größten Veränderungsprozessen seit dem 2. Weltkrieg. Ausgerechnet in dieser Zeit hat eine repräsentative INSA-Umfrage ein erstaunliches Ergebnis hervorgebracht: Glaube an Gott und ein Weiterleben nach dem Tod sind in der Gruppe der Unter-30-Jährigen in Deutschland am weitesten verbreitet. Wir haben mit Religionssoziologe Prof. Dr. Gert Pickel von der Universität Leipzig darüber gesprochen.

„Die Resultate überraschen mich tatsächlich, sie weichen ein Stück weit ab von den jahrelang bewiesenen Säkularisierungsprozessen. Bisher war es so, dass Jugendliche oft etwas offener in alle Richtungen sind, junge Erwachsene dagegen eigentlich nicht. Sie stehen häufig durch Familie und Arbeit eher unter Druck, haben wenig Zeit für Religion und Kirche und treten auch deshalb öfter aus“, geht der Leipziger Wissenschaftler durchaus skeptisch mit den Resultaten um. Trotzdem stellt sich nun die Frage, inwiefern es aktuelle Einflüsse gibt. Schließlich erlebt die Generation, die nach der Wiedervereinigung geboren wurde, erstmals überhaupt eine gesellschaftliche Krisenlage, in der bei einer um sich greifenden Infektion oder der Umweltfrage als soziales Dilemma nicht alles in Menschenhand zu liegen scheint. Nicht nur ethische Abwägungen, sondern auch Bitten um Hilfe von „oben“ könnten zugenommen haben. So gaben 84 Prozent der Unter-30-Jährigen an, schon einmal gebetet zu haben. Zwei Drittel glauben sogar, dass Gott ihre Gebete erhört hat.

Prof. Dr. Gert Pickel sagt dazu: „Es ist nicht auszuschließen, dass die Menschen in dieser Zeit mehr Halt suchen. Zur Corona-Zeit sollte es demnächst mehr Forschungen geben. Die Antworten könnten wirklich interessant sein, ob es zu Veränderungen kommt. Damit könnte man auch überprüfen, ob sich die Befunde der repräsentativen INSA-Umfrage bestätigen.“

Dennoch steht diese nicht nur im Widerspruch zur Säkularisierung. Obwohl 64 Prozent der jungen Erwachsenen laut eigener Aussage an Gott glauben, sind nur 57 Prozent von ihnen getauft. Insa-Chef Hermann Binkert stellt deshalb folgende These auf: „Gottesglaube und Kirchenzugehörigkeit gehören nicht mehr zwingend zusammen. Die eher kirchenferne junge Generation ist gläubiger als die älteren Altersgruppen, die noch einer Kirche angehören und getauft sind.“ Bekannt war bereits aus Studien zuvor, dass religiöse Themen allgemein auf Interesse bei jungen Menschen stoßen.

Was bedeuten die möglichen neuen Erkenntnisse nun also für die Kirche? „Sie sollte ihre Angebotsstrukturen überdenken, sich mehr nach Jüngeren ausrichten. Da gibt es eine Menge Luft nach oben“, rät Prof. Dr. Gert Pickel. Weil ein Großteil der Kirchenmitglieder älter ist, richten sich kirchliche Gruppen und Gemeinden im Schnitt immer noch besonders auf Senioren aus. „Die Säkularisierung war über die Jahre ein Fakt. In den Familien wird der Glaube nicht mehr so weitergeben wie noch vor ein paar Jahrzehnten. Aber zu glauben, dass die Säkularisierung unumkehrbar ist, wäre falsch. Man kann etwas dagegen tun.“

Feierabend-Andachten, bei denen junge Berufstätige nach der Arbeit auf dem Weg nach Hause anhalten und Kraft tanken, wären ein Mittel. Viele andere hat die Kirche ausgerechnet auf Druck der Corona-Krise selbst vorangetrieben. Kürzere Andachten, mehr digitale und gleichzeitig abwechslungsreiche Angebote lebten in kurzer Zeit auf. Nicht ausgeschlossen, dass auch das kleine Effekte brachte, warum junge Erwachsene sich plötzlich mehr für Glauben interessieren. Prof. Dr. Gert Pickel erklärt: „Es geht für Kirche um zeitlich begrenzte Veranstaltungen, die eine zielgerichtete Aufgabe enthalten und im Optimalfall eine soziale Bindung entstehen lassen. Projekte von Greenpeace haben das zum Beispiel gezeigt. Hier ergab sich eine große Bindekraft, erneut an Umweltaktionen teilzunehmen.“ Hervorragende Anknüpfungspunkte stellen vor allem auch evangelische Schulen dar, weil sich hier auch bei konfessionslosen Familien Interesse am Glauben durch soziale Gemeinschaft langsam entwickeln kann. Prof. Dr. Gert Pickel sagt: „Hier kommt hinzu, dass evangelische Schulen von ihrer Qualität her einen exzellenten Ruf haben. Das schafft eine besondere Ausgangssituation.“

Um das Potential auszuschöpfen, sollte Kirche aber anders handeln als bisher. „Es braucht mehr Flexibilität und Variabilität kirchlicher Angebote für junge Menschen“, betont Prof. Dr. Gert Pickel. Die INSA-Umfrage zeigt, dass sich das mehr lohnen könnte als bisher gedacht.